menschheits-puzzle
ANNsicht N°10 - April 2023
Vor einigen Tagen rief mich eine Freundin an, deren Nachricht mich zutiefst schockiert hat – aber dazu später. Denn zunächst möchte ich mit Euch für einen Moment in den letzten Dezember reisen:
Zur Vorweihnachtszeit haben wir ein großes Puzzle ausgebreitet und gemeinsam Zeit beim Suchen & Finden verbracht. An manchen Tagen war es zu später Stunde auch nur ein stilles Dasitzen, letzte Gedanken sortieren oder aussortieren, während die Augen nach dem einen ganz speziellen Puzzleteil Ausschau hielten. Das Puzzle war ein Bild von James Rizzi: Eine bunte Momentaufnahme aus dem bewegten Leben in New York.
DIESES MENSCHENGEWIMMEL-PUZZLE brachte mich auf den Gedanken, wie jedes Teil für einen Menschen stand, nicht nur in New York, sondern auf der ganzen Welt. Und so fühlte es sich besonders gut an, wenn ein Puzzleteil in das andere passte: als ob ein Mensch dem anderen die Hand reichte und am Ende alle miteinander verbunden waren.
Nach einigen Tagen betrachteten wir das Gesamtwerk. Ich war kurz davor, einen Puzzlekleber aufzutragen, so beschwingt war ich beim Anblick des Bildes – oder war es eher die Idee, wie die Menschheit in Verbundenheit und respektvollem Miteinander leben könnte? Hand in Hand, jeder an seinem für ihn bestimmten Platz. Im Bewusstsein dafür, wie wichtig jedes Teil/ jeder Einzelne ist, und erst in Gemeinschaft ein vollkommenes Bild erschaffen werden kann.
WÄRE DIES MÖGLICHERWEISE DAS PARADIES AUF ERDEN?
Vom Paradies zurück zum Schock: meine Freundin erzählte mir, dass ihr bald 17-jähriger Sohn auf seiner Schule zusammengeschlagen wurde. Gewalt in so unmittelbarer Nähe hat mich kurzfristig in Schockstarre versetzt – und wie ich es bereits im aktuellen Newsletter erwähnte: meine Welt ist für einen Moment stehen geblieben; unfähig zu denken, zu sprechen, zu fühlen, ja, fast schon zu atmen. Von dieser Gewalt und ihren Folgen zu hören hat mich unfassbar traurig gemacht. Nicht wütend, vielmehr sprachlos und betroffen. Zeitgleich hören wir in den Medien, dass Kinder in ihrer Gewaltbereitschaft keine Grenzen kennen, sich hemmungslos und auf brutale Art „entladen“; mit oder ohne Bewusstsein für die Folgen ihrer Handlung, mit oder ohne Vorsatz ihrer Taten – hier möchte ich nicht urteilen.
Was sind die Konsequenzen dieser Taten, dachte wohl jeder. Wenn sich Schockstarre löst, steigt Wut auf, neue Ängste setzen sich im Körper fest. Nun ist es nur noch ein kleiner Schritt, dass nach Gerechtigkeit gerufen wird, denn diese Tat hinterlässt Narben, die auch nach dem Heilen aller äußeren Wunden bleiben. Wunsch nach Gerechtigkeit – GeRÄCHtigkeit ist die kleine Schwester von Rache.
ABER WAS IST WIRKLICHE HEIL-UNG?, wie schaffen wir es – und an dieser Stelle möchte ich nochmal an das Bild des Puzzles erinnern – in Verbundenheit zu kommen, in ein Miteinander, auch wenn wir viel Leid untereinander erfahren haben? Diese Emotionen sind über Generationen hinweg zugeschüttet worden, unterdrückt oder mühsam weggelächelt.
Bis zum heutigen Tag befinden wir uns wieder und wieder in Situationen, in denen wir, wie aus dem Nichts (=Unterbewusstsein), getriggert werden und erneut als Opfer oder Täter dastehen. Wie finde ich einen Weg, aus diesem Karussell auszusteigen?
Der Schüler musste die Schule verlassen. Und ja, sicherlich ist das eine Konsequenz, die er für sein Handeln zu tragen hat. Aber an diesem Punkt hat keinesfalls Heilung stattgefunden. An diesem Punkt ist einzig und allein das viel tiefer liegende Problem verschoben worden – nämlich auf die nächste Schule… und ihre Schüler!
WAS ICH BEOBACHTE: Hilflosigkeit in Situationen voller Konflikte und Gewalt. Ambitionierte Informationsabende an Schulen und im Netz, die nicht mehr reichen, um im echten Leben Probleme zu lösen.
WAS ICH VERMISSE: Wunsch nach wahrhaftiger Aufarbeitung und Auflösung derartiger Herausforderungen. Schul-Ausschluss hat was von einer Beauty-OP: Schönes Bild für’s Außen – aber die Falten kommen wieder! Ich vermisse Verantwortung und Bereitschaft, an die Wurzel zu gehen, sowie Hilfe in Anspruch zu nehmen. Denn es gibt sie: Menschen, die großartige Arbeit leisten und Kindern aus ihren Dramen helfen, bevor es zu Gewalt kommt.
WAS ICH MIR WÜNSCHE: Erkennen dieser Situation, Lehrer, die für diese Themen geschult oder eingestellt werden. Und ich wünsche mir Schulfächer wie „Emotionale Kompetenz“, „Selbstverantwortung“ oder „Leben erleben“… am besten alle! Sollte der Mut für neue Fächer fehlen: diese Themen können in Ethik, Religion, Deutsch, uvm. aufgenommen werden – so wie mittlerweile kein Schulfach mehr die Themen Natur- und Tierschutz auslässt!
WAS ICH NICHT MEHR BRAUCHE: Weitere Vorträge von ‚Gefahren im Internet‘ und Bestrafungen der alten Zeit. Statt über Gelder für neue Schul-iPads zu diskutieren, sollte ein Budget für Medianden an Schulen bereitgestellt werden, denn es gibt viel aufzuholen und zu heilen.
MEDIATION ist ein großartiges Tool, um Prozesse der Konflikt-schlichtung auf beiden Seiten zu begleiten. In Zeiten der vielen Lockdowns sind Gewalttaten bei Kindern um bis zu 30% gestiegen – diese Zahlen spiegeln sehr deutlich, wie dringend wir alle aufgefordert sind, in Bewegung zu kommen. Wir alle – denn in jedem von uns steckt tief verborgen ein Täter, ein Opfer – nicht nur bei Schülern.
Und noch ein Impuls: Da offensichtlich Verdrängen & Vergessen emotionaler Verletzungen sowie das bekannte „Think positiv“ ihre heilende Wirkung verfehlt haben:
WIE WÄRE ES MIT EINEM 180°-WENDE-EXPERIMENT für jeden von uns: Emotionen nicht mehr unterdrücken, (Achtung: jetzt kommt die Wende): dafür ganz bewusst wahrnehmen, spüren und dabei nochmal erleben, bis sie ihren Schrecken, ihre Macht über uns verloren haben. Ob Täter oder Opfer, hier ist jeder aufgefordert, in sein höchstpersönliches Schattenreich zu blicken und Schicht für Schicht in sich aufzulösen. Das ist nicht immer lustig, kann schmerzen oder zu Tränen rühren, aber für mich ist es der Königsweg, aus dem Opfer-Täter-Karussell auszusteigen.
UND EIN LETZTER BLICK AUF UNSER MENSCHHEITS-PUZZLE, in dem wir Jetzt leben: Es gibt noch einige Puzzleteile, die so gar nicht an ihrem Platz sind, die unter den Tisch gefallen sind oder fälschlicherweise mit viel Druck in einen Platz gepresst worden sind, der nicht der ihre ist. Ob das Puzzle im Chaos untergeht? Nein, natürlich nicht! Niemals hätte es einen Plan für dieses Puzzle gegeben, würde es jetzt im großen Durcheinander vergessen werden. Die Randteile des Puzzles stehen: Sie wurden schon vor langer Zeit gefunden und zusammengesetzt, bilden einen stabilen Rahmen und sorgen für Orientierung.
DAS ZU SEHEN, HIER DEN FOKUS ZU HALTEN, IST ESSENTIELL. Zeigen wir den verloren gegangenen Teilen den Ort, an dem sie aufgehoben sind - denn erst wenn das letzte Teil seinen Platz gefunden hat, ist das Puzzle vollendet und das Gesamtwerk mit all seinen Herausforderungen vollbracht.
Mit einem tiefen Atemzug & Herzensgrüßen wünsche ich einen lichtvollen Tag
Deine Ann
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