LIED DES LEBENS
AnnSicht N°22 - Mai 2024
„Was hat dir am besten gefallen?“, wurde ich nach unserer Namibia-Reise öfter gefragt. Alles! Die Weite, die Farben, die Stille, die Freundlichkeit und alles, was in mir etwas bewegt und schwingen lässt. Manchmal gibt es keine Worte, sondern nur ein Gespür und Erinnerungen an diese heiligen Momente. Zeit wird relativ, elf Tage fühlen sich an wie drei Wochen und mehr, Begegnungen hallen nach und ich bin sehr dankbar, diese Reise mit meiner Familie und lieben Freunden erlebt zu haben.
ES GIBT NOCH ETWAS, DAS MIT ALLEN ERLEBNISSEN IN RESONANZ GEHT. Es fühlt sich verwurzelt an, urverbunden. Als ich gegen Ende der Reise auf der Farm einer Freundin zum Sonnenaufgang eine Yogastunde geben durfte, war es wieder ganz präsent: dieses Gefühl der Verbundenheit zwischen Mensch und Natur: Das aus der Natur schöpfen, indem ich einatme, und das Gebende, in Form des Ausatmens – immer wieder ist es der Atem, der verbindet. An dieser Stelle lies gerne nochmal den Blog Verbindung, in dem ich detaillierter auf die zarten wie starken Facetten diverser Bindungen eingehe.
VOR UNSERER REISE LAS ICH VON DEN OVAHIMBAS., einem indigenen Volk im Norden Namibias. Deren Verbindung von Mensch und Natur bzw. Quelle ist die Melodie, genauer gesagt: ein Lied. Ein Lied, das sich durch das gesamte Leben eines Menschen zieht:
Sobald das Kind in den Gedanken der Mutter gedacht wird und sie beschließt, schwanger zu werden, ruht sich die Frau unter einem Baum aus. Sie wartet dort so lange, bis sie das Lied des Kindes hört, das geboren werden möchte. Sobald sie das vollständige Lied des Kindes kennt, geht sie zu dem Mann, der der Vater des Kindes sein wird und bringt ihm das Lied bei. Und während sie Liebe machen, singen sie das Lied des Kindes, um es in ihr Leben einzuladen.
Während der Schwangerschaft bringt sie den älteren Frauen des Dorfes das Lied bei und wenn das Kind geboren ist, singen diese Frauen und alle Dorfbewohner das Lied, um das Kind in ihrer Gemeinschaft willkommen zu heißen.
Wenn das Kind sich verletzt oder hinfällt, ist immer jemand da, der es wieder tröstet und sein Lied singt. Aber auch umgekehrt: wenn das Kind bzw. der Jugendliche Übergangsriten durchläuft, etwas Großes erreicht oder Gutes tut, singt das Dorf ihm zu Ehren das Lied.
Und kommt der Jugendliche, mittlerweile vielleicht auch schon Erwachsene, einmal von seinem Wege ab, begeht ein Verbrechen oder schadet seinem Nächsten, wird er nicht, wie es in unseren Kulturen üblich ist, bestraft oder weggesperrt. Er wird in die Mitte des Dorfes gerufen und um ihn bilden die Dorfbewohner einen Kreis. Sie singen ihm sein Lied, um ihn an seine Wurzeln zu erinnern, seinen Ursprung.
DIE MENSCHEN IM DORF ERKENNEN AN, DASS IN JEDEM MENSCHEN SOWOHL DAS POTENTIAL EINES OPFERS ALS AUCH EINES TÄTERS STECKT. Nur ein Aspekt kann sich - in der Linie der Zeit - zeigen und in die Sichtbarkeit kommen, um erlebt zu werden. Die Ovahimbas wissen, dass Schatten nur aus Licht entstehen kann. Und sie wissen, dass Heilung nur geschieht, wenn der Fokus auf das Licht gelegt wird, dieses sich ausdehnen kann, um auch die dunklen Seiten zu erhellen.
BEI DIESEN NATURVERBUNDENEN MENSCHEN WIRD MIT LIEBE KORRIGIERT, nicht mit Bestrafung. Das Hören des eigenen Liedes soll an den Lebensbeginn erinnern, an die liebevolle Quelle, aus der alle Menschwesen geboren sind. Wer sein eigenes Lied (wieder-)erkennt, wird nichts tun, was dem anderen schadet, so heißt es bei den Ovahimbas.
Und wenn der Mensch alt wird, bereit ist zu sterben, kennen alle Bewohner des Dorfes sein Lied und begleiten ihn auf seinem letzten Weg – zurück zur Quelle, dem Geistigen Raum.
Mich haben die Geschichten rund um das „Lied des Lebens“ sehr berührt und ganz ehrlich: Wie gerne hätte ich mein eigenes Lied erhalten! Ein Lied, das mich von Anbeginn, in der Schule, während der Pubertät und in vielen unterschiedlichen Situationen und Orientierungsphasen des Lebens begleitet hätte, um mich immer wieder an meine Schöpferkraft zu erinnern.
ES IST EBEN SEHR VIEL MEHR ALS NUR DIE KRAFT EINES RITUALS: Es ist die Angebundenheit an das große Ganze. Es geht tiefer, als unser Verstand jemals erfassen kann und so sind wir an dem Punkt, von dem Max Planck sagte:
FÜR DEN GLÄUBIGEN MENSCHEN STEHT GOTT AM ANFANG,
FÜR DEN WISSENSCHAFTLER AM ENDE
SEINER ÜBERLEGUNGEN.
Vielleicht können wir nicht so schnell ein Lied aus der Tasche zaubern, aber wir können damit beginnen, uns wieder auf das Atmen zu besinnen: Ein paar tiefe und bewusste Atemzüge, morgens nach dem Aufstehen, am offenen Fenster. Verbindung schaffen zwischen Innen- & Außenwelt, zwischen Herz & Verstand, und immer wieder: von Mensch zu Mensch.
Mit einem weiteren tiefen Atemzug & Herzensgrüßen wünsche ich Dir einen bewegten und lichtvollen Tag,
Deine Ann
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